Wann ist ein Trauma ein Trauma

Wenn ein Erlebnis zur einem Trauma wird

Wer sich mit dem Thema befasst stellt sich bald die Frage wann wohl wirklich ein Trauma vorliegt.

In den Klassifizierungs-Sytemen (ICD oder DSM) versucht man zu definieren wann man von einem Trauma sprechen kann und wann nicht. Damit wird beschrieben unter welchen Voraussetzungen entsprechende Erlebnisse einen Krankheitswert bekommen und therapeutische Maßnahmen nötig werden. Wie bei allen psychischen Störungen oder Krankheiten ist es allerdings sehr schwierig hierfür eine feste Grenze auszumachen und für alle Menschen festzulegen.

Die Einzigartigkeit eines jeden Menschen spielt auch in der Verarbeitung eines Traumas eine wichtige Rolle. Das Ausmaß von Bedrohung und Machtlosigkeit kann letztendlich nur von der Person selbst wahrgenommen werden.

Ein Therapeut sollte sich in Psychotraumatologie auskennen sowie über eine ausgeprägte Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen verfügen.

Jeder hat schon mal ein Trauma erlebt

Ich gehe davon aus, dass jeder im Laufe seines Lebens mehrfach Traumata erlebt und sich die Heftigkeit und Auswirkungen (die Traumafolgen) unterscheiden. Weil das im Laufe der menschlichen Entwicklungsgeschichte nicht so ungewöhnlich war, hat unser Gehirn zur Bewältigung gewisse Grundkompetenzen entwickelt. Dazu kommen Lebenserfahrungen und Prägungen, die zusätzlichen Einfluss auf die individuellen Bewältigungsstrategien haben. Oft helfen uns diese Strategien sehr gut und wir kommen mit den Eindrücken solcher Ereignisse zurecht. Sind die Spuren tiefer, können auch die Folgen für das Leben sehr viel dramatischer werden und fremde Hilfe nötig sein. Entscheidend dafür sind also die Auswirkungen auf das Leben des Menschen. Wie dramatisch diese sind kann am besten von den Traumatisierten selbst festgestellt werden.

Muss man sich an das Trauma erinnern um es bewältigen zu können?

Ziel einer Traumatherapie ist normalerweise mit dem traumatischen Erlebnis zurecht zu kommen. Trotzdem muss man sich für eine erfolgreiche Behandlung nicht an das Ereignis erinnern können. Das Erlebte kann so schlimm sein, dass es besser ist sich nicht zu erinnern. Viele Traumatisierte wissen gar nicht, dass es sich um ein Trauma oder eine posttraumatische Belastungsstörung handelt. Traumatische Erlebnisse werden eventuell heruntergespielt („ein paar Ohrfeigen haben noch keinem geschadet, auch mir nicht“). Nicht selten gehen Traumapatienten mit körperlichen Symptomen zu Arzt, der dann nichts findet. Bei seelischen Symptomen und Verhaltensauffälligkeiten kann sonst wirksame Psychotherapie erfolglos verlaufen. Eventuell wird die Lage sogar noch dramatischer. Trauma und posttraumatische Belastungsstörungen brauchen oft eine ganz eigene Behandlung.

Für mich sind immer die Wahrnehmungen des Klienten/Patienten entscheidend und der hat immer recht. Ein Trauma ist ein Trauma wenn es der Klient so empfindet, selbst wenn das nicht zu beschreiben ist. Ich hatte schon Klienten die konnten bei bestimmten Auslösern gar nicht mehr sprechen. Dann nutzen wir andere, nonverbale Kommunikationswege. Ich halte es für sinnvoll die Traumatisierten als kompetenteste Kraft ins therapeutische Geschehen einzubeziehen.

Was geschieht bei einem Trauma?

Ständig strömen von allen Seiten Wahrnehmungen auf uns ein. Wir sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken. Vieles davon bemerken wir bewusst nicht einmal. So entwickeln wir unsere Welt und unsere Wirklichkeit. Junge Menschen haben ein anderes Weltbild als Erwachsene. Ereignisse können sich verändern und bedrohlich bis existenziell gefährlich werden. Je nach Vorerfahrungen kann das unterschiedliche Ausmaße annehmen. Oberste Priorität für den Organismus hat immer das Überleben. Das wird besonders wichtig wenn wir überwältigenden Gefahren ausgesetzt sind. Das Gehirn mit seinen bewussten und unbewussten Funktionen muss einerseits auf einmal gemachte Erfahrungen zurückgreifen um in ähnlichen Situationen alarmiert zu werden und andererseits kann die Erinnerung so dramatisch sein, dass sie nicht auszuhalten ist. Das Gehirn ist in einem Dilemma. Die einzige Chance ist Elemente ganz oder teilweise auszublenden. Es kann nicht vergessen und muss genau das tun um überleben zu können. Dieses Wechselspiel kann eine enorme Anforderung für den gesamten Organismus bedeuten.

Trauma und posttraumatische Belastungsstörung